Türkei in die EU?
Gegner und Befürworter sehen sich bestärkt
Berlin/Straßburg -
Die Welle von Terroranschlägen in Istanbul hat dem Streit um eine
Aufnahme der Türkei in die EU neue Nahrung gegeben - und sowohl Gegner
als auch Befürworter in ihren jeweiligen Positionen bestärkt.
Innenminister Otto Schily (SPD) machte sich für eine engere
Kooperation mit der Türkei stark und forderte Brüssel auf, einen
"ehrlichen Dialog" mit Ankara zu führen. Der britische Außenminister
Jack Straw sagte, die Anschläge, hinter denen das islamistische
Terrrornetzwerk Al Kaida vermutet wird, stärkten "unsere
Entschlossenheit, die Türkei als Vollmitglied in der EU zu sehen".
Auch der italienische Regierungschef und amtierende EU-Ratsvorsitzende
Silvio Berlusconi stellte sich hinter das muslimische Mittelmeerland.
Der "Strategie des Hasses und der Einschüchterung" werde es nicht
gelingen, die Türkei von ihrem Weg in die EU abzubringen, versicherte
Berlusconi.
Ähnlich äußerten sich türkischstämmige Politiker in Deutschland. Eine
engere Anbindung an die EU sei notwendig, damit der Terrorismus
gemeinsam bekämpft werden könne, sagte der Grüne Cem Özdemir. Die EU
dürfe die pro-westlichen Eliten des Landes nicht vor den Kopf stoßen.
Mehmet Daimagüler (FDP) forderte die EU auf, die Türkei schon jetzt in
die Anti-Terror-Arbeit einzubinden.
Der CSU-Europaabgeordnete Ingo Friedrich wandte sich dagegen gegen
eine rasche Aufnahme der Türkei in die EU. Dies könne den Terror in
dem Land noch verstärken, warnte er. Fundamentalistische Islamisten
könnten dann nämlich befürchten, dass ein "Kernland der islamischen
Welt herausgebrochen und zwangsweise in den Westen gezogen" werden
sollte. Der Vize-Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang
Bosbach, fürchtet gar, dass mit der Türkei "die Gefahr des Islamismus
in die EU importiert" werden könnte.
Der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im Straßburger
Parlament, Elmar Brok (CDU), hält die Debatte für verfehlt. Hier
würden Dinge in Zusammenhang gebracht, "die nichts miteinander zu tun
haben". Das formelle Aufnahmeverfahren müsse fortgeführt werden. Genau
dies will die EU-Kommission nach Angaben von Erweiterungskommissar
Günter Verheugen auch tun. Die Kommission werde wie geplant Ende 2004
einen Bericht über die Entwicklung in der Türkei vorlegen. Ob und wann
Beitrittsverhandlungen aufgenommen werden, hänge allein von der Lage
in der Türkei ab.
afp/HA
erschienen am 22. Nov 2003
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