Hartmut Wedekinds "Die Idee der Wissenschaft" (F.A.Z. vom 19. April 2003) geht mit der Frage nach der identitätstiftenden Wirkung der Wissenschaft für Europa durchaus einem interessanten Gedanken nach. Er zerstört dessen Wert jedoch gründlich durch falsche Prämissen, vor allem ein Zerrbild vom Islam. Greifen wir einige wichtige Punkte heraus. Wedekinds argumentativer Ausgangspunkt ist die angeblich von Betrand Russell stammende Behauptung, Europa habe die Idee der Wissenschaft in die Welt gebracht. Dies wird von Wedekind als differentia specifica der europäischen Selbstdefinition genommen, sowie zugleich als Modus eines Diskurses mit anderen Kulturen und, da er Europa und sein hellenistisch (gemeint ist wohl hellenisch oder griechisch)-christlich-römisches Erbe ausdrücklich dem Islam gegenüberstellt, auch mit anderen Religionen. Beide Annahmen werden allerdings nicht von der These Russells getragen. Entgegen der Behauptung von Wedekind hat sich Russell keineswegs nur in einem Rundfunkinterview zur referierten These geäußert, sondern auch schriftlich (Russell Society News No. 34, S. 7) und dies erheblich differenzierter, als von Wedekind wiedergegeben. Er hat nämlich zum einen festgehalten, daß die wissenschaftlichen Entdeckungen im wesentlichen ein zivilisatorischer Beitrag Italiens, Frankreichs, der Niederlande, Großbritanniens und Deutschlands sind. Zum anderen betont er, daß die besondere Stellung Westeuropas keineswegs genetisch festgeschrieben sei, seien doch einige der besten Wissenschaftler Juden gewesen seien. Man mag füglich darüber streiten, ob vor allem der erste Teil der Russell’schen Behauptung historisch-empirisch zutreffend ist. Eines wird jedenfalls deutlich: Als Kriterium dafür, wer politisch Europa angehört oder angehören kann, taugt sie herzlich wenig.
Wedekinds Zweifel an der europäischen Kompatibilität der vorwiegend muslimisch bevölkerten Türkei beruhen wesentlich auf seinen eigenen schiefen Vorstellungen eines mit europäischen Werten a priori nicht kompatiblen Islams, dessen Verhältnis zum Christentum und dessen Rolle in der Türkei.
Zunächst: Zwischen dem jüdischen, dem christlichen und dem islamischen Gott herrscht Identität; eine Gegenüberstellung Gott – Allah, wie von Wedekind angeführt, gibt es nicht. Alle drei genannten Religionen berufen sich im Ursprung auf Abraham und Moses. Den Kern von Wedekinds Argumentation bilden jedoch einige andere abenteuerlich falsche oder zumindest pauschalisierende Behauptungen über den Islam, insbesondere die eines a priori engeren Zusammenhangs von Religion und Politik als in Staaten Europas mit christlicher Bevölkerungsmehrheit. So gibt es im Islam eher weniger als im Christentum ein "ordre de mufti" (um diesen unseligen umgangssprachlich-verspottenden Ausdruck Wedekinds zu zitieren). Eine religiöse Hierarchie, wie sie etwa besonders klar im Katholizismus ausgeprägt ist, wird man im Judentum oder im Islam nicht finden. Schon gar nicht wird man in der Türkei eine solche autoritäre Religionsordnung finden, wie sie Wedekind vorschwebt. Zudem ist Gläubigkeit als solche vollkommen legitim und wird auch von allen rechtsstaatlichen Verfassungen anerkannt: Wer etwa den Papst als religiöse Autorität anerkennen möchte, möge das tun, ebenso wie es Angehörigen anderer Religionen nicht verwehrt sein kann, sich auf religiösem Gebiet an Autoritäten zu orientieren, sei es nun qua Hierarchie oder qua Anerkennung für überlegenes Wissen. Das gilt für gläubige Christen, Juden, Muslime oder auch Angehörige anderer Religionen. Wedekind impliziert nun: "Das Ziel ‚Mündigkeit des Menschen‘ gilt gläubigen Muslimen als Vorstellung Ungläubiger". Hierin liegt ein Zirkelschluß, denn Wedekind geht dabei bereits davon aus, daß sich ein gläubiger Moslem nur nach religiösen Maximen richten und den Glauben als alleinige Grundlage seines Handelns ansehen wird. Das aber ist Fundamentalismus, der keineswegs mit Frömmigkeit identisch ist. Man mag ein frommer Christ, Moslem, Jude sei, aber in der politischen Welt durchaus (auch) nach politischen Maximen handeln. Es ist kein Widerspruch, als gläubiger Christ an einem Wahlsonntag zunächst in die Kirche und dann ins Wahllokal zu gehen. Diese Haltung findet sich im Islam, Judentum, Christentum und übrigens stark auch in der Türkei. Die Wahlbeteiligung ist dort nicht niedriger als hier. Aus welchen historischen Quelle sich dies speist, dürfte demgegenüber sekundär sein, sei es nun aus der Aufklärung, sei es aus dem Kemalismus, oder sei es etwa, wie im Judentum bereits seit den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung aus dem im babylonischen Talmud zu findenden und später weiterentwickelten Gedanken, daß göttlicher Wille notwendig der Vermittlung durch menschliche Vernunft bedarf.
Fassen wir zusammen. Wissenschaft mag historisch auf einige Länder, von denen zumindest die meisten in Europa liegen, zurückzuführen sein. Damit ist aber kein politisches Abgrenzungskriterium zur Beschreibung Europas gewonnen. Da er von empirisch unzutreffenden Prämissen über den Islam ausgeht, bleibt Wedekind die Begründung für seine Behauptung schuldig, der Islam sei a priori mit europäischen Werten nicht kompatibel. Schlimmer noch: Er gelangt durch den nicht näher begründeten Schluß von religiösen auf politische Strukturen in der Türkei zum Verdacht deren europäischer Inkompatibilität. Es geht jedoch in Europa, wie zuletzt auch im Entwurf einer europäischen Verfassung, gar nicht um bestimmte Religionen, sondern um das Verhältnis von Religion und Politik. Interessanter für die anstehenden politischen Fragen sind daher andere Kriterien, wie etwa das der Ausrichtung auf gewisse zivilisatorische Werte (Rechtsstaatlichkeit, Demokratie etc.). Jene bilden neben wirtschaftlichen Eckdaten die andere Hälfte der Kopenhagener Kriterien für potentielle Mitglieder der EU. Selbstverständlich muß sich die Türkei dem verstärkt stellen, und selbstverständlich muß dies von unserer Seite, von der EU, überprüft werden. Beides wird gegenwärtig und laufend getan. Gerade an diesen Kriterien wird deutlich, welches Charakteristikum politisch praxistaugliche Kriterien einer Zugehörigkeit zu Europa haben müssen: Das einer historischen Offenheit in dem Sinne, als sie von jeder Generation neu zu erringen und zu verteidigen sind. Ebensowenig wie sich alle islamischen Staaten, wie von Wedekind angeführt, durch das Verhalten einer islamistischen Orthodoxie im 12. Jahrhundert für immer aus dem westlichen und/oder europäischen Wertekanon katapultiert haben, hat dies etwa Deutschland getan durch die viel kürzer zurückliegende Abkehr von zivilisatorischen Werten wie Toleranz und Rechtsstaatlichkeit in den zwei Diktaturen, die es im 20. Jahrhundert erlebt hat. Wenn also nun die Türkei diesen europäischen Wertekanon sich in der Vergangenheit zu großen Teilen bereits zueigen gemacht hat und sich weiter zueigen machen will, sollten wir das nicht wegzuerklären versuchen, sondern es als Beweis der Universalität und Attraktivität europäischer Werte nehmen.
Göttingen, den 20 April 2003
Achim Doerfer
Bundesvorsitzender Liberale Türkisch-Deutsche Vereinigung (www.ltd-ev.de)
Zweiter Vorsitzender Machon Moreschet Aschkenas Deutschland e.V.