Altbundeskanzler Helmut Schmidt, die CSU und Teile der CDU
bekämpfen die Aufnahme der Türkei in die EU. Ihrer Kampagne
schlossen sich zuletzt auch die sozialdemokratischen Historiker
Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler an. Von ihnen werden
pragmatische und prinzipielle Einwände ins Feld geführt. Die
pragmatischen Gründe, etwa zu den Grenzen der Ausdehnungsfähigkeit
Europas oder zu den ökonomischen Risiken, sind bedenkenswert.
Letztlich sind sie jedoch vorgeschoben.
Der Haupteinwand ist prinzipieller Natur. Die Gegner der Aufnahme
sind sich darin einig: Die Türkei gehört nicht zum europäischen
Kulturkreis. Die Türkei soll daher draußen bleiben. Den „Kern des
Problems“ sieht Winkler darin, „dass in jenem Teil Europas, der zum
historischen Okzident gehört und bis zur Reformation sein geistiges
Zentrum in Rom hatte“, sich die Trennung von geistlicher und
weltlicher Gewalt und die Säkularisierung „in einem Jahrhunderte
währenden Prozess vollzogen“ hat. In der Türkei hingegen sei die
Säkularisierung erst im 20. Jahrhundert mit autoritären Mitteln
durchgesetzt worden. Noch schlimmer: Die Staatsdoktrin der Türkei
sei „areligiös“, ja „religionsfeindlich“. Daraus folge, „dass ’die‘
Türkei nicht begreifen kann, warum die Würde eines jeden Menschen
unantastbar ist, warum die Menschenrechte so wichtig sind, warum man
wehrlose Häftlinge nicht quält und schlägt...“ (siehe SZ vom 23.
11.).
In Winklers selbstgerechter pauschaler Abqualifizierung des Wegs
der Türkei nach Europa äußern sich typische Denkmuster der
romantischen Geschichtswissenschaft, der Leitwissenschaft des
Nationalismus. Ferne Geschichte, besser: die von Historikern selbst
konstruierte Vergangenheit, wird zur unfehlbaren Lehrmeisterin für
Gegenwart und Zukunft. Der Historiker als selbst berufener pater
patriae, als Sachkundiger für alle Fragen der aktuellen Politik –
habemus papam!
Was ist eine Wüstenreligion?
Wehler reduziert das notwendige Wissen über den Islam auf dessen
Herkunft aus Arabiens Wüsten im achten Jahrhundert. Er bringt es
damit fertig, die politisch-kulturelle Bedeutung der heutigen
Weltreligion Islam und dessen unterschiedliche Manifestationen mit
dem einfältigen und ahnungslosen polemischen Etikett
„Wüstenreligion“ zu charakterisieren. Für Winkler bilden das
„Fundament“ der eigenen Kultur, die „durch nichts ersetzbaren
gemeinsamen historischen Prägungen und Erfahrungen“. Die empirische
Frage, wer denn heute von den eigenen Bürgern an diesen „Erfahrungen
und Prägungen“ partizipiert, wird nicht gestellt. Die Menschen
anderer Nationen und Kulturen mit anderer Geschichte bleiben von
ihnen jedenfalls ausgeschlossen. Sie können daher, selbst wenn sie
dies wollten, an ihnen nicht teil haben. So konnten und durften die
Juden Deutschlands nach Auffassung der nationalen Wissenschaftler
und ihrer Gefolgschaft keine echten Deutschen werden. Sie waren, um
die Sprache des Historikers gegenüber den Türken zu gebrauchen,
bloße Kopien.
Vor 1945 haben deutsche Historiker und Geisteswissenschaftler
ihren Ehrgeiz auf den Nachweis unüberbrückbarer Unterschiede
zwischen der Kultur Deutschlands und der Kultur des Westens gelegt.
Nach 1945 wurden die Deutschen mit einer Negativvariante dieses
Geschichtsbildes konfrontiert. Der Holocaust und andere Verbrechen
Deutscher seien ein zwangsläufiges Ergebnis der deutschen Geschichte
und Kultur gewesen. Die Deutschen seien daher auch nicht lernfähig.
Der Westen müsse vor ihnen geschützt werden.
Bei der Suche nach Respektabilität suchten die Deutschen und ihre
Historiker nun den Anschluss an den Westen. Sie beriefen sich auf
„europäische“ Kulturwerte. Sie wurden damit aber zugleich versucht,
sich hinter dem plakativen Bekenntnis zu Europa und seiner
angeblichen Leitkultur zu verschanzen und sich damit erneut nach
außen abzuschotten. Dabei kombinierten die Protagonisten der
Leitkultur ihre Blindheit gegenüber den dunklen Seiten der
europäischen Geschichte mit dümmlicher Arroganz gegenüber der
Kulturfähigkeit nichtwestlicher Staaten. Der neue sich nun auf
Europa berufende Nationalismus nahm nicht zur Kenntnis, dass die
Menschenrechte, die Aufklärung und die Werte des Christentums
universale Geltung beanspruchen.
Zudem können türkische Demokraten die Berufung auf eine
Jahrhunderte alte Geschichte der Reifung Europas samt der damit
verbundenen Absage an ihre eigene Kultur- und Demokratiefähigkeit zu
Recht als ignorante Überheblichkeit bewerten. Sie wissen, dass die
osmanische Türkei die von der Inquisition aus Spanien vertriebenen
Juden aufgenommen und ihnen religiöse Freiheit eingeräumt oder dass
zuletzt die von Winkler so sehr verteufelte kemalistische Türkei
vielen deutschen Wissenschaftlern gerade in der Zeit der NS-Barbarei
Zuflucht und Unterhalt gewährt hat. Defizite der Demokratie und
Modernisierung in der Türkei, die von Wehler und Winkler moniert
werden, finden sich reichlich auch in der Nachkriegsgeschichte
Europas. Noch vor wenig mehr als 25 Jahren hatten katholische
Militärdiktaturen Spanien und Portugal im Griff.
Nicht nur in der Türkei ist es bekannt, dass die heutige
Demokratie Deutschlands geschichtlich nichts Naturwüchsiges war,
sondern letztlich durch die Alliierten ermöglicht wurde. In ihrem
eigenen Kampf um Freiheit der Religion und Weltanschauung müssen die
türkischen Demokraten es als Hohn empfinden, dass ihnen nun der
Völkermord an den Armeniern und dessen mangelnde
politisch-historische Aufarbeitung ausgerechnet von einem deutschen
Historiker vorgehalten wird.
Die Aufnahme der Türkei in die EU hätte, darin kann man Heribert
Prantl nur zustimmen, eine weltgeschichtliche Bedeutung (siehe SZ
vom 18. 11.). Sie stünde symbolisch für die Möglichkeit der
Integration islamischer Gesellschaften in den modernen
Verfassungsstaat. Auf dem BaIkan und in Zypern würden in einer neu
geschaffenen Friedensregion der EU die überlieferten ethno-
kulturellen Konflikte entschärft und Voraussetzungen für eine
friedliche Koexistenz gläubiger Moslems, Christen und
säkularisierten Menschen geschaffen.
Aus diesem Grunde sind Griechenland und Bulgarien, frühere
Erbfeinde der Türken, heutzutage die hartnäckigsten Fürsprecher der
Aufnahme der Türkei in die EU. Eine weitere Verweigerung wäre
Brennstoff für den islamischen Fundamentalismus in der ganzen Welt.
Sie wäre der schlagende Beweis, dass Demokratie und Menschenrechte
eine christlich europäische Veranstaltung sind und alle Beteuerungen
ihres universalen Geltungsanspruchs nichts als
christlich-europäische Heuchelei sind.
Für die Aufnahme der Türkei gelten – dies wird von ihren Gegnern
durchweg unterschlagen – die gleichen Normen wie für die
Mitgliedschaft aller ihrer Glieder: vor allem die aktive Anerkennung
der Menschenrechte, Freiheit von Religion und Weltanschauung, freie
Wahlen, Schutz von Minderheiten und unabhängige Justiz. Es wäre
unverantwortlich die von der neuen türkischen Regierung geäußerte
Bereitschaft, diesen Normen zu entsprechen, nicht unvoreingenommen
zu testen.
DIETER OBERNDÖRFER
Der Autor ist emeritierter Professor der Politikwissenschaft an
der Universität Freiburg.