Mittwoch, 4.12.2002



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Falsche Romantik

Ein Plädoyer für die Aufnahme der Türkei in die EU


Altbundeskanzler Helmut Schmidt, die CSU und Teile der CDU bekämpfen die Aufnahme der Türkei in die EU. Ihrer Kampagne schlossen sich zuletzt auch die sozialdemokratischen Historiker Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler an. Von ihnen werden pragmatische und prinzipielle Einwände ins Feld geführt. Die pragmatischen Gründe, etwa zu den Grenzen der Ausdehnungsfähigkeit Europas oder zu den ökonomischen Risiken, sind bedenkenswert. Letztlich sind sie jedoch vorgeschoben.

Der Haupteinwand ist prinzipieller Natur. Die Gegner der Aufnahme sind sich darin einig: Die Türkei gehört nicht zum europäischen Kulturkreis. Die Türkei soll daher draußen bleiben. Den „Kern des Problems“ sieht Winkler darin, „dass in jenem Teil Europas, der zum historischen Okzident gehört und bis zur Reformation sein geistiges Zentrum in Rom hatte“, sich die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt und die Säkularisierung „in einem Jahrhunderte währenden Prozess vollzogen“ hat. In der Türkei hingegen sei die Säkularisierung erst im 20. Jahrhundert mit autoritären Mitteln durchgesetzt worden. Noch schlimmer: Die Staatsdoktrin der Türkei sei „areligiös“, ja „religionsfeindlich“. Daraus folge, „dass ’die‘ Türkei nicht begreifen kann, warum die Würde eines jeden Menschen unantastbar ist, warum die Menschenrechte so wichtig sind, warum man wehrlose Häftlinge nicht quält und schlägt...“ (siehe SZ vom 23. 11.).

In Winklers selbstgerechter pauschaler Abqualifizierung des Wegs der Türkei nach Europa äußern sich typische Denkmuster der romantischen Geschichtswissenschaft, der Leitwissenschaft des Nationalismus. Ferne Geschichte, besser: die von Historikern selbst konstruierte Vergangenheit, wird zur unfehlbaren Lehrmeisterin für Gegenwart und Zukunft. Der Historiker als selbst berufener pater patriae, als Sachkundiger für alle Fragen der aktuellen Politik – habemus papam!

Was ist eine Wüstenreligion?

Wehler reduziert das notwendige Wissen über den Islam auf dessen Herkunft aus Arabiens Wüsten im achten Jahrhundert. Er bringt es damit fertig, die politisch-kulturelle Bedeutung der heutigen Weltreligion Islam und dessen unterschiedliche Manifestationen mit dem einfältigen und ahnungslosen polemischen Etikett „Wüstenreligion“ zu charakterisieren. Für Winkler bilden das „Fundament“ der eigenen Kultur, die „durch nichts ersetzbaren gemeinsamen historischen Prägungen und Erfahrungen“. Die empirische Frage, wer denn heute von den eigenen Bürgern an diesen „Erfahrungen und Prägungen“ partizipiert, wird nicht gestellt. Die Menschen anderer Nationen und Kulturen mit anderer Geschichte bleiben von ihnen jedenfalls ausgeschlossen. Sie können daher, selbst wenn sie dies wollten, an ihnen nicht teil haben. So konnten und durften die Juden Deutschlands nach Auffassung der nationalen Wissenschaftler und ihrer Gefolgschaft keine echten Deutschen werden. Sie waren, um die Sprache des Historikers gegenüber den Türken zu gebrauchen, bloße Kopien.

Vor 1945 haben deutsche Historiker und Geisteswissenschaftler ihren Ehrgeiz auf den Nachweis unüberbrückbarer Unterschiede zwischen der Kultur Deutschlands und der Kultur des Westens gelegt. Nach 1945 wurden die Deutschen mit einer Negativvariante dieses Geschichtsbildes konfrontiert. Der Holocaust und andere Verbrechen Deutscher seien ein zwangsläufiges Ergebnis der deutschen Geschichte und Kultur gewesen. Die Deutschen seien daher auch nicht lernfähig. Der Westen müsse vor ihnen geschützt werden.

Bei der Suche nach Respektabilität suchten die Deutschen und ihre Historiker nun den Anschluss an den Westen. Sie beriefen sich auf „europäische“ Kulturwerte. Sie wurden damit aber zugleich versucht, sich hinter dem plakativen Bekenntnis zu Europa und seiner angeblichen Leitkultur zu verschanzen und sich damit erneut nach außen abzuschotten. Dabei kombinierten die Protagonisten der Leitkultur ihre Blindheit gegenüber den dunklen Seiten der europäischen Geschichte mit dümmlicher Arroganz gegenüber der Kulturfähigkeit nichtwestlicher Staaten. Der neue sich nun auf Europa berufende Nationalismus nahm nicht zur Kenntnis, dass die Menschenrechte, die Aufklärung und die Werte des Christentums universale Geltung beanspruchen.

Zudem können türkische Demokraten die Berufung auf eine Jahrhunderte alte Geschichte der Reifung Europas samt der damit verbundenen Absage an ihre eigene Kultur- und Demokratiefähigkeit zu Recht als ignorante Überheblichkeit bewerten. Sie wissen, dass die osmanische Türkei die von der Inquisition aus Spanien vertriebenen Juden aufgenommen und ihnen religiöse Freiheit eingeräumt oder dass zuletzt die von Winkler so sehr verteufelte kemalistische Türkei vielen deutschen Wissenschaftlern gerade in der Zeit der NS-Barbarei Zuflucht und Unterhalt gewährt hat. Defizite der Demokratie und Modernisierung in der Türkei, die von Wehler und Winkler moniert werden, finden sich reichlich auch in der Nachkriegsgeschichte Europas. Noch vor wenig mehr als 25 Jahren hatten katholische Militärdiktaturen Spanien und Portugal im Griff.

Nicht nur in der Türkei ist es bekannt, dass die heutige Demokratie Deutschlands geschichtlich nichts Naturwüchsiges war, sondern letztlich durch die Alliierten ermöglicht wurde. In ihrem eigenen Kampf um Freiheit der Religion und Weltanschauung müssen die türkischen Demokraten es als Hohn empfinden, dass ihnen nun der Völkermord an den Armeniern und dessen mangelnde politisch-historische Aufarbeitung ausgerechnet von einem deutschen Historiker vorgehalten wird.

Die Aufnahme der Türkei in die EU hätte, darin kann man Heribert Prantl nur zustimmen, eine weltgeschichtliche Bedeutung (siehe SZ vom 18. 11.). Sie stünde symbolisch für die Möglichkeit der Integration islamischer Gesellschaften in den modernen Verfassungsstaat. Auf dem BaIkan und in Zypern würden in einer neu geschaffenen Friedensregion der EU die überlieferten ethno- kulturellen Konflikte entschärft und Voraussetzungen für eine friedliche Koexistenz gläubiger Moslems, Christen und säkularisierten Menschen geschaffen.

Aus diesem Grunde sind Griechenland und Bulgarien, frühere Erbfeinde der Türken, heutzutage die hartnäckigsten Fürsprecher der Aufnahme der Türkei in die EU. Eine weitere Verweigerung wäre Brennstoff für den islamischen Fundamentalismus in der ganzen Welt. Sie wäre der schlagende Beweis, dass Demokratie und Menschenrechte eine christlich europäische Veranstaltung sind und alle Beteuerungen ihres universalen Geltungsanspruchs nichts als christlich-europäische Heuchelei sind.

Für die Aufnahme der Türkei gelten – dies wird von ihren Gegnern durchweg unterschlagen – die gleichen Normen wie für die Mitgliedschaft aller ihrer Glieder: vor allem die aktive Anerkennung der Menschenrechte, Freiheit von Religion und Weltanschauung, freie Wahlen, Schutz von Minderheiten und unabhängige Justiz. Es wäre unverantwortlich die von der neuen türkischen Regierung geäußerte Bereitschaft, diesen Normen zu entsprechen, nicht unvoreingenommen zu testen.

DIETER OBERNDÖRFER

Der Autor ist emeritierter Professor der Politikwissenschaft an der Universität Freiburg.


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