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Deutschland ist nicht sexy

Die derzeitige Zuwanderungsdebatte schafft ein gesellschaftliches Klima, das auf Abschottung zielt, nicht auf Offenheit - Gastkommentar

Von Mehmet Daimagüler

Deutschland ist einer der führenden Industriestaaten der Welt. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen wir die besten Köpfe der Welt. Um die müssen wir uns bemühen. Wer wann und in welcher Zahl kommt, muss in einem vernünftigen Gesetz geregelt werden. Eigentlich ganz einfach, oder? Dennoch debattierte unsere Politik jahrelang weltfremd und ergebnislos über diese Themen. Nicht ökonomische Zahlen bestimmen die Diskussion, sondern Begriffe wie "nationale Identität" und "Überfremdung". Dass dabei unser Land Schaden nimmt, scheint egal.

Machen wir uns nichts vor: Viele wollen gar keine Einwanderer. Sie sollen bleiben, wo sie sind. Einwanderer sind ein notwendiges Übel, das man nur in Kauf nimmt, wenn einem wirklich nichts anderes übrig bleibt. Eine Notlösung. Dies schafft ein gesellschaftliches Klima, das auf Abschottung zielt, nicht auf Offenheit. Die sprichwörtliche Weltoffenheit Deutschlands ist eben nur "sprichwörtlich". Die Welt soll zu Hause bleiben, unsere Exporte nehmen und uns einige Wochen als Urlaubsland dienen. Dieses Klima entgeht auch nicht jenen, die schon hier leben. Noch Mitte der achtziger Jahre ersann Norbert Blüm, der gute Mensch von Bonn-Kessenich, die "Rückkehrprämie" für türkische Einwanderer. Einige nahmen dieses Angebot an, mit traumatischen Folgen für die Kinder, die nur Deutschland als Heimat kannten. Und der Rest? Musste der Tatsache ins Auge schauen: Die wollen uns loswerden. Hat sich an diesem Klima wirklich etwas geändert? Die Armen der Welt, die Verzweifelten, die Flüchtlinge, alle sind dennoch gekommen. Etwas besseres als den Tod finden wir allemal, sangen die Bremer Stadtmusikanten.

Nun sind wir aber in der Verlegenheit, dass wir angewiesen sind auf Experten, auf gut ausgebildete Menschen, die hier Arbeitsplätze besetzen und schaffen sollen. Dummerweise ist aber auch jenen nicht entgangen, dass wir nun mal nicht so weltoffen sind, wie unsere Politik behauptet. Experten haben es im Gegensatz zu den Armen nicht nötig, hierher zu kommen. Das ist das eigentliche Problem, das ein Einwanderungsgesetz allein nicht lösen wird. Wir brauchen mehr. Wir brauchen einen Klimawechsel, den man nicht per Gesetz verordnen kann. Es gibt also keine Schlangen von "High Potentials", die sich vor unseren Botschaften um ein Visum bemühen. Wer heute gut ausgebildet und mobil ist, geht nach Amerika, nach Kanada, Australien oder Großbritannien. Dort fühlen sich Einwanderer willkommen. Und nicht nur sie, sondern auch ihre Familien. Und dies auf Dauer, nicht befristet auf wenige Jahre. Menschen wollen Heimat, keinen vorübergehenden Arbeitsplatz. Manche unserer Politiker glauben noch immer, im Kampf um die besten Köpfe genauso handeln zu können wie vor vier Jahrzehnten im Falle der Gastarbeiter. Damals rief man Arbeiter, und es kamen Menschen. Heute rufen wir Experten, und es kommt keiner.

Wenn wir aber die Besten wollen, dann müssen wir selbst das Beste anbieten. Und wir können das Beste anbieten, wenn wir selbst zu den Besten gehören. Genauso, wie es ein x-beliebiger Arbeitgeber auf der Suche nach guten Mitarbeitern tut. Dazu gehört, dass sein Unternehmen nach außen möglichst gut aussieht. Wer möchte schon in einem Unternehmen arbeiten, in dem das Betriebsklima nicht stimmt. Stattdessen tut unsere "politische Klasse" alles, um potenzielle Interessenten abzuschrecken. Ständig debattiert sie, wie Einwanderung begrenzt werden kann, wie Familienangehörige außen vor gehalten werden oder wer die Kosten der Integration zahlt. So jedenfalls kriegt man nicht die besten Köpfe.

Auch hier sollten sich Bundesregierung wie Union ein Beispiel an erfolgreichen Unternehmen nehmen: Sie gehen an die besten Universitäten der Welt, stellen sich vor, laden die hellsten Köpfe in die Unternehmen ein, werben für sich und informieren über Karrieremöglichkeiten. Wieso gibt es an den besten Universitäten der Welt, wir sprechen vielleicht von 30 oder 40 Hochschulen, keine Kontaktbüros der Bundesregierung? Wieso verstehen sich unsere Diplomaten in aller Welt nicht als "Recruiting Officers" für Deutschland? Es ist doch klar: Deutschland steht international im Wettbewerb um die hellsten Köpfe im hinteren Mittelfeld.

Deutschland ist meine Heimat. Ich bin hier geboren und bin gerne Deutscher. Aber das Gefühl, nicht willkommen zu sein, nicht akzeptiert zu werden, dieses Gefühl habe ich nie verloren.

Was macht Deutschland noch unattraktiv für potenzielle Experten? Wir haben die Rhein-Ruhr-Uni zu Bochum, die anderen Oxford und Cambridge, Princeton und Harvard. Raten Sie mal, wo die Eliten von morgen studieren und leben wollen. Ich sehe es an meinem eigenen Freundeskreis, und ich kann ihre Entscheidung gegen Deutschland gut verstehen. Kein Wunder, solange unsere Kultusminister nichts Besseres zu tun haben, als zu entscheiden, ob Schifffahrt mit zwei oder drei F geschrieben wird. Dazu kommen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland, Themen die nach dem 11. September aus den Schlagzeilen, aber nicht aus der Realität verschwunden sind. All das macht unser Land nicht sexy. Von Amerika lernen heißt siegen lernen.

Mehmet Daimagüler ist Mitglied des Bundesvorstandes der FDP.

An dieser Stelle lädt die WELT täglich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein, ihren Standpunkt zu vertreten.


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Erscheinungsdatum: 20. 03. 2002