Die DebatteDie Türkei als Mitglied der EUNatürlich ist der Mann am Bosporus noch immer
krank, so wie vor knapp 150 Jahren, als der russische Zar Nikolaus
I. das geflügelte Wort prägte. Damals war das mächtige Osmanische
Reich in Auflösung begriffen. Heute fesseln den kranken Mann am
Bosporus Wirtschaftskrise, politische Neugliederung, unbotmäßig
mächtige Militärs, rudimentäre Demokratiestrukturen und Defizite im
Menschenrechtsbereich ans Bett. Die Medizin: Reformen. Ankara
arbeitet daran mit atemberaubendem Tempo: Abschaffung der
Todesstrafe, mehr Rechte für die Kurden, Erweiterung der
Pressefreiheit, Abmilderung menschenrechtlich bedenklicher
Strafrechtsparagrafen, Strafverschärfung für Schlepper, Organhändler
und Folterer – um nur einige Beschlüsse zu nennen, die in der Türkei
geltendes Recht sind oder werden und sämtlich auf Brüssels
Wunschliste standen. Die neue, von der religiös-konservativen Partei
für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) geführte Regierung, sucht
die Entscheidung: Am 12./13. Dezember soll die EU Ankara eine
klare EU-Perspektive in Aussicht stellen. Es geht dabei für die Türkei um eine richtungweisende
Entscheidung, eine Weichenstellung für die Zukunft. Das Land
befindet sich in einem Prozess des gesellschaftlichen Wandels. Die
EU hat es in der Hand, diesen Wandel auf eine für Europa in jeder
Hinsicht vorteilhafte Weise mitzugestalten und zu befördern. Eine
klare EU-Perspektive könnte – wie es schon bei Spanien und Portugal
der Fall war – als Katalysator für wirtschaftliche und politische
Reformen wirken. Die EU könnte der Türkei helfen, zur ersten
funktionierenden islamischen Demokratie zu werden, zu einer Brücke
in die arabisch-islamische Welt. Das ist heute wichtiger als je
zuvor. Ein islamisch geprägter Staat passt nicht in das
christlich-abendländische Zivilisationsprojekt EU? Diese Behauptung
ist abenteuerlich, wählte Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk 1923
doch ein streng laizistisches Staatsmodell, garniert mit
italienischem Strafgesetz, schweizerischem Bürgerrecht und deutschem
Handelsrecht. Europa, die Welt mit dem „religiösen Lineal“ vermessen
zu wollen, verstößt zudem gegen den Geist des Humanismus und der
Aufklärung und ist historisch absurd – Lessings „Nathan der Weise“
und Goethes „Westöstlicher Diwan“ lassen grüßen. Die Türkei – und damit der Islam – ist längst Teil Europas: Nato-
und Europaratsmitglied, seit 1963 durch einen Assoziierungsvertrag
mit der EWG und seit 1996 in der Zollunion mit der EU verbunden,
assoziiertes Mitglied des Westeuropäischen Union und seit 1999
Beitrittskandidat. Der Platz der Türkei – wenn sie den Reformkurs
hin zu einer Zivilgesellschaft hält – ist an der Seite Europas. Eine
Vollmitgliedschaft ist dabei keine Conditio sine qua non, aber sie
bietet die einzigartige Möglichkeit, in der Türkei europäische
Rechts- und Gesellschaftswerte unwiderruflich zu verankern. |
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