Draußen vor der Tür: die TürkeiGastkommentarDie Türkei präsentiert sich auch unter der neuen Regierung als
modernes, westlich ausgerichtetes und reformorientiertes Land. Die Türken
setzen alles daran, mit Europäern und Amerikanern im engen Gespräch zu
bleiben. Sie beobachten dabei irritiert und verängstigt, wie die
gegenwärtigen weltpolitischen Verwerfungen die Nato und die EU schwächen.
Sie drängen weiter realistisch, aber fest entschlossen nach Europa. Sie
haben uns als Oppositionspolitiker aus Deutschland hochrangig,
gastfreundlich und mit offenen Armen empfangen. Das Interesse der Türkei an Deutschland ist enorm. Gerade deshalb ist
es so bedauerlich, dass die Bundesregierung mehr über die Türkei redet als
mit ihr. Bundeskanzler Schröder ist in seiner viereinhalbjährigen Amtszeit
nicht einmal in Ankara gewesen. Das Land steht im Umbruch: Die neue Regierungspartei muss dem eigenen,
nach wie vor zu einflussreichen Militär und auch dem Ausland erst
beweisen, dass sie das streng laizistisch ausgerichtete Land nicht
islamisch umprägen will. Die neue Regierung kann erst in dieser Woche nach
der Wahl des starken Mannes Erdogan zum Regierungschef ihre Arbeit richtig
aufnehmen. Und das neu gewählte Parlament besteht zu 90 Prozent aus
unerfahrenen Abgeordneten - viele von ihnen jung und sehr engagiert.
Dieser Umbruch trifft auf eine türkische Wirtschaft, die sich von der
schweren Krise von 2001 erst zögerlich erholt hat und mehr denn je
abhängig ist von günstigen weltwirtschaftlichen Bedingungen und von der
Zusammenarbeit mit den im Lande bislang sehr erfolgreich tätigen
amerikanischen, europäischen und vor allem deutschen Unternehmen. Ein Krieg gegen den Irak birgt schwere wirtschaftliche Risiken. Hinzu
kommt die Angst, dass ein solcher Krieg das Kurdenproblem neu anheizen
würde. Ein Zerfall des Irak, mit Zugriff der nordirakischen Kurden auf die
Ölfelder von Kirkuk und Mossul, könnte erneute Unruhe unter den circa 20
Prozent türkischen Kurden auslösen. Die Türkei könnte bei einem solchen
Krieg besonders viel verlieren. Andererseits haben die Türken hohes Interesse an den engen Beziehungen
zu den USA, an den sechs Milliarden Dollar Direkthilfe, die die Amerikaner
ihnen für den Kriegsfall versprochen haben, und an
US-Handelserleichterungen vor allem für die Textilindustrie. Deshalb war
die Verweigerung der Stationierung amerikanischer Truppen an der
irakischen Grenze durch das türkische Parlament ein politisches Erdbeben,
ein Souveränitätsbeweis, der die Regierung zwar in Probleme gestürzt hat,
der aber von fast allen Türken auch mit Stolz betrachtet wird, auch wenn
er möglicherweise schon nächste Woche korrigiert wird. Von überragender Bedeutung ist und bleibt für die Türkei die
Westbindung. Deshalb stößt die vor allem von der Bundesregierung zu
verantwortende unzureichende Reaktion der Nato auf das Hilfeersuchen der
Türken im Vorfeld eines möglichen Irak-Kriegs auf Verwunderung und
Enttäuschung. Die Türken haben uns als Nato-Partner im Kalten Krieg stets
treu zur Seite gestanden. Jetzt haben sie den Eindruck, wir ließen sie
hängen. Der türkische Außenminister Yasar Yakis erklärt zwar, er
persönlich könne sich das vielleicht noch erklären, aber für die türkische
Bevölkerung ginge es bei der Nato stets auch um Glaubwürdigkeit und
Solidarität. In Sachen EU-Beitritt präsentieren sich die Türken vor Ort
nüchterner und realistischer als hier zu Lande dargestellt. Ja, man
erwartet eindeutige Signale, dass die Tür zur EU nicht endgültig
verschlossen wird, denn nur so werde es gelingen, die Türkei weiter zu
reformieren. Aber man versteht in Ankara auch, dass die EU erst selbst
institutionell umgebaut werden muss, um über die jetzt beschlossenen
Beitritte hinaus weitere verkraften zu können. Und man weiß auch, dass die
Türkei selbst noch einen hohen Berg zu erklimmen hat. Das kostet Zeit -
die Türken rechnen mit weit mehr als einem Jahrzehnt. Hinzu kommt das Zypern-Problem. Wenn - wie es jetzt aussieht - die
gemeinsame Aufnahme des türkischen und des griechischen Teils der Insel in
die EU am Widerstand des Nordzypern-Führers Denktasch und des türkischen
Militärs scheitern sollte, werden die griechischen Zyprer als
EU-Mitglieder die Beitrittsambitionen der Türkei zu bremsen wissen.
Wer dieses große und großartige Land betrachtet, seine geringere
Wirtschaftskraft und seine von sicherheitspolitischen Brennpunkten
umgebene Lage erkennt, der muss aus Ehrlichkeit und Freundschaft gegenüber
der Türkei bekennen: Die Tür zur EU ist nicht zu, aber auch noch lange
nicht offen. Artikel erschienen am 13. Mär 2003 |
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