Türkische Männer müssen umdenkenGastkommentarManche behaupten, Deutschland habe ein "Ausländerproblem". Das ist
nicht wahr. Auch gibt es kein "Türkenproblem". Es gibt aber ein Problem
mit vielen jungen türkischen Männern: niedriges Bildungsniveau, höchste
Arbeitslosenquote und ein antiquiertes Männer- und Frauenbild. Und eine
ungewöhnlich hohe Gewaltbereitschaft. Eine Untersuchung des früheren
niedersächsischen Justizministers Christian Pfeiffer (SPD) zeigte: Auf 100
türkische Jugendliche kommen nach eigenen Angaben pro Jahr fast drei Mal
so viel Gewalttaten wie auf gleichaltrige Deutsche. Die soziale und
ökonomische Lage dieser Jugendlichen erklärt diese Tendenz allein nicht.
Wir müssen vielmehr die Frage stellen, wie und mit welchen Werten diese
Jugendlichen in den Elternhäusern erzogen werden. Eine vom türkischen Soziologen Uslucan durchgeführte Untersuchung von
Erziehungsmethoden türkischer Familien hat ergeben: In 20 Prozent aller
türkischen Haushalte in Deutschland wird mit Gewalt erzogen. Dass
schlagende Väter ein problematisches Vorbild für ihre Söhne sind, ist
klar. Geschlagene Kinder schwanken zwischen latenten
Minderwertigkeitsgefühlen und der Idee, sich nur über Härte und
Aggressivität durchsetzen zu können. Gewaltfreie Konfliktlösung wird nicht
erlernt und als "unmännlich" abgelehnt. Erziehung mithilfe von Gewalt war früher in der Türkei gebräuchlich.
Diese Zeiten sind auch in der Türkei weit gehend passé. Doch haben viele
Türken in Deutschland ein Türkeibild im Kopf, das aus den sechziger Jahren
stammt, der Zeit, in der sie das Land verließen. Während in der Türkei
selbst eine natürliche Evolution gesellschaftlicher Regeln stattfand,
herrscht in den Köpfen hier oftmals Stillstand. Die Flucht vor der Moderne
ist in Deutschland Massenphänomen. Die Türken in der Türkei sind
paradoxerweise in der Regel moderner und westlicher als die deutschen
Türken mitten in Westeuropa. Eine relative Armut und eine schlechte Ausbildungsperspektive der
Jugendlichen gehen Hand in Hand. Doch der zu verzeichnende Rückgang an
Ausbildung und Qualifikation ist auch Ergebnis eines starren und
überholten familiären Gefüges. Gegenüber der Tatsache, dass der Bildung im
moslemischen Kulturkreis traditionell ein hoher Wert beigemessen wird,
verhalten sich oft türkische Eltern hier zu Lande sehr ambivalent
gegenüber deutschen Bildungsinstitutionen. Mithilfe im Haushalt, die
Erziehung kleinerer Geschwister und eine frühzeitige eigene
Familiengründung werden naturgemäß erwartet. "Hergeheiratete" türkische Frauen verstärken diesen Erziehungsstil.
Zwar sind diese jungen Frauen häufig trotz ihrer Armut und fehlenden
Bildung sehr viel fortschrittlicher, als ihre künftigen Männer in Almanya
es haben wollen. Ihre Selbstständigkeit wird ihnen ausgerechnet in
Deutschland schnell wieder genommen. Sie sprechen kein Deutsch und haben
auch nicht die Chance, Deutsch zu lernen, weil sie in völliger
Abhängigkeit und Isolation bei den Schwiegereltern leben. So kommt es,
dass in Berlin Kinder eingeschult werden, die in Kreuzberg oder in
Neukölln geboren wurden, aber bei der Einschulung kein Wort Deutsch
sprechen. Schulisches und berufliches Versagen sind vorprogrammiert, der
Weg in das gesellschaftliche Aus sicher. Sprache und Werte sind die zwei Säulen des gesellschaftlichen
Miteinanders. Beides müssen Staat und Gesellschaft fördern, aber auch
fordern. Wer in Deutschland lebt, muss Deutsch lernen. Der Staat muss
ausreichend Sprachkurse anbieten, aber er muss auch durchsetzen, dass
Deutsch gelernt wird. Die Politik muss zudem dafür sorgen, dass unsere
Werte auch anerkannt werden. Unser Grundgesetz ist ein Ausfluss unserer
Werteordnung. Wenn dort die Gleichheit aller Menschen festgeschrieben ist,
wieso trauen wir uns dann nicht zu sagen: Wer in Deutschland lebt, hat die
Gleichberechtigung von Mann und Frau zu respektieren. Wenn sich die
Politik nicht traut, dies einzufordern, dann darf sie sich nicht wundern,
wenn bestimmte Gruppen sich nicht darum scheren. Die aus der Türkei stammenden Frauen müssen durch Integrations- und
Sprachkurse gefördert werden. Ihnen muss nicht nur die Sprache beigebracht
werden, sondern auch ihre Rechte. Wir wollen selbstbewusste türkische
Frauen. Nur sie können ihren Söhnen ein vernünftiges Frauen- und
Männerbild vermitteln. Jene in der Politik, die von Einwanderern möglichst wenig einfordern,
schaden diesen am meisten, weil sie den Weg in die gesellschaftliche
Isolation dieser Menschen ebnen. Der schlimmste Feind des Ausländers ist
leider manchmal der unkritische Ausländerfreund. Artikel erschienen am 26. Apr 2003 |
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